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Dieser Text erschien zuerst auf dem feministischen Zentrum. Ich veröffentliche ihn hier nochmal, da er einerseits zum hier publizierten Artikel „Methoden der internen Gruppenorganisation“ gehört und andererseits einem zukünftigen Text über feministische Kommentarmoderation zumindest als Gedankenstütze dienen soll.

Die „Stillen“ und die „Aggressiven“

Vorweg: Hier sind mit „Stille“ nicht die gemeint, die generell nicht so viel sagen, sondern nur die, die „zum Schweigen gebracht wurden“.
Ebenso sind mit „Agressive“ nicht die gemeint, die generell Probleme mit gewaltfreier Kommunikation haben, sondern diejenigen, die „in die Luft gehen“ und/oder unvermittelt „unbarmherzig“ formulieren.
Zudem sind „Stille“ und „Aggressive“ nicht unbedingt unterschiedliche Menschen, es geht um die Rolle, die Personen in der Gruppe einnehmen. Deutlich: Teilnehmer_innen können alle Rollen einnehmen.

Ausdrücke von Ohnmacht, Verunsicherung, Verletzung, Diskriminierung, Marginalisierung usw. sind Rückzug und Kampf. Der Rückzug ist die Reaktion der „Stillen“, die Plenen (plötzlich) verlassen, sich nicht mehr an Diskussion beteiligen, sich aus der Gruppe zurückziehen, immer leiser in ihren Beiträgen werden usw.
Kampf ist die Reaktion  der „Aggressiven“, die anfangen „dazwischen zu schießen“, sich außerhalb der Gruppe positionieren, die sauer und wütend werden, die als aggressiv wahrgenommen werden, die schreien, die toben, die angreifen.

Die „Stillen“ und „Aggressiven“ sind Anzeichen für Probleme in den Gruppen. Selbstverständlich gibt es Gelegenheiten, in den Teilnehmer_innen Probleme einfach total nett ansprechen und alle das Gefühl haben, dass das jetzt aber angemessen ist. Das ist jedoch echter Luxus, wer kann schon so auf Kritik reagieren bzw. so Kritik äußern? Schön wenn‘s so ist, aber dies als einzig berechtigte Form einzufordern, ist anmaßend. Genauso anmaßend ist es aber zu erwarten, dass alle mit allem umgehen können. Wie also damit umgehen?

Zunächst: Ich weiß, es ist schwierig, Kritik als wertvoll anzuerkennen und diese anzunehmen, aber genau deswegen ist es umso schwieriger Kritik zu äußern. Meistens wird auf Kritik abweisend reagiert und damit geht ein gruppendynamischer Prozess einher: Sozialer Ausschluss. Sozialer Ausschluss ist auch kein einseitiger Prozess von Gruppe gegen Einzelperson, sondern steht zueinander im Wechselverhältnis. Malen wir ein Bild:

Beispiel für Kritik und sozialem Ausschluss

X äußert eine Kritik in einer Gruppe, vielleicht sogar wütend. Einzelne melden sich dazu zu Wort und wollen vielleicht „nett“ sein, beschweren sich aber erst einmal über den Tonfall („Kannst Du das nicht anders sagen?“), formulieren Einschränkungen der Kritik („Aber da und da war das doch anders!“), geben partiell Recht („In dem Punkt hast Du ja Recht, aber….“), starten Rückangriffe („Du machst das aber auch nicht besser!“) usw. Einige Antwortende reagieren vielleicht ebenso verletzt und wütend („Jetzt haben wir uns so viel Mühe gegeben und immer noch die Meckereien.“). X spürt in der Regel die Verletzung und Wut Einzelner und wird eher hören, wo ihm_ihr nicht Recht gegeben wird, als andersrum.

Gibt es jetzt keinen unglaublich reflektierten Eingriff der Moderation (z.B. über eine Methode), versandet die Kritik und es kommt früher oder später eine Pause. X denkt etwas in der Form von „Alle hassen mich, weil ich was kritisiert habe“ und sucht im Best-Case-Szenario Kontakt zu mitgebrachten Freund_innen. Falls X keine Freund_innen mitgebracht hat, beginnt er_sie damit sich rumzudrücken (halb bei anderen stehen, sich ganz rauszuziehen, etc.).

Die „Anderen“ haben jetzt meistens ein Austauschbedürfnis über X-Kritik: „Hat X Recht?“, „Wie gehen wir mit der Kritik um?“, „Habe ich ungut reagiert?“, „Ist X ein Arschloch!“ etc. und suchen daher Kontakt mit allen außer X, um Anregungen und Klärungen zu bekommen, bevor sie mit X konfrontiert werden (und etwas Unüberlegtes tun).

X jedoch merkt nur, dass zu ihm_ihr kein Kontakt gesucht wird und fühlt sich in „Alle hassen mich“ bestätigt. Damit zieht sich X noch mehr zurück und/oder wird noch wütender und verletzter.

Im Wort-Case-Szenario machen Einzelne etwas Unüberlegtes und suchen Kontakt zu X und kritisieren X (aus Versehen). Es wird also immer schlimmer und X wird vermutlich nicht wieder zu Treffen der Gruppe kommen, sollte nicht irgendwann Irgendeine_r oder Mehrere ein Bravurstück in sozialer Integration vollbringen.

Spinnen wir das Bild weiter: X fährt irgendwann zu einem anderen Treffen und bemerkt wieder ein Problem in Gruppe. Ist X von dem Problem auch noch selbst betroffen, steigt das Unbehagen mit der Kenntnis des Problems ins Unermessliche. Aufgrund von den gerade skizzierten Erfahrungen mit Äußerungen von Kritik, entscheidet er_sie das Problem nicht zu benennen (oder zumindest nicht als offene Kritik, sondern so „unterschwellig“ (wird gerne als aggressiv wahrgenommen)). Rückzugtendenzen beginnen, X wird „still“, kommt nicht wieder und die Gruppe wird nie (klar) erfahren, was das Problem ist.

Das Ganze potenziert sich von Treffen zu treffen, die jeweiligen Gruppen müssen gar nicht Auslöser für „stilles“ und „aggressives“ Verhalten sein und es gibt so viele Namen für Platzhalter_in X.

Was also ist zu tun?

Nachfragen

Zunächst ist Achtsamkeit gegenüber den Anderen geboten. Ziehen sich Menschen zurück? Wer beteiligt sich nicht an Gesprächen? Wen empfinde ich als aggressiv? Nachfragen ist immer besser, als nicht nachfragen. Dennoch darf keine Antwort erwartet werden. Gerade die „Stillen“ werden häufig lieber den Teufel tun, als ehrlich zu sagen, was ihnen auf der Seele liegt, allein schon aus Angst vor beschissenen Reaktionen und sozialem Ausschluss.

Auf eine offene Frage „Geht’s Dir gut?“, „Brauchst Du nur Zeit für Dich oder gibt’s ein Problem?“ etc. eine „Alles prima“-Antwort zu bekommen, heißt nicht dass das stimmt, ist jedoch zu akzeptieren. Vielleicht fragen ja noch Andere und zu irgendwem hat die „stille“ Person irgendwann genug Vertrauen. Bei „Aggressiven“ können Nachfrager_innen mehr Glück haben, denn „Kampf“ kann ein Anzeichen für Auseinandersetzungsbereitschaft sein. Allerdings würde ich es nicht mit der Nachfrage „Warum bist Du denn so Scheiße drauf?“ (mit der Betonung auf „Du“) probieren, eher mit der Frage „Was hast Du vorhin „damit“ gemeint?“.

Gesetzt dem Fall, Du bekommst eine ehrliche Antwort, solltest Du darauf reagieren. Wenn Du das Gefühl hast, die ehrliche Antwort ist scheiße, überdenke ob es eine Defensiv-Reaktion deinerseits ist. Wenn Du dafür Zeit brauchst, sage es: „Ich muss darüber nachdenken. Können wir später darüber reden?“ (dann aber auch wieder den Kontakt suchen).

Wenn Du Dich überfordert fühlst, sage es: „Ich fühle mich davon überfordert. Willst Du trotzdem mit mir darüber sprechen oder soll ich eine andere Person suchen?“ wahlweise „Ich kann mit dem Thema nicht umgehen. Darf ich eine andere Person suchen?“ (Auch wirklich machen!)

Mit Dir oder Dir als „geholter“ Person findet ein Dialog statt. Am Ende sollte geklärt werden, ob und wie das Thema in die Gruppe geholt wird. „Soll ich die Kritik anonym in die Gruppe tragen?“, „Möchtest Du die Kritik in der Gruppe äußern, wenn ich Dir Rückendeckung gebe?“, „Wie kann die Gruppe Dir ermöglichen, die Kritik zu äußern?“.   (Umsetzen nicht vergessen).

Kritik in der Gruppe / Feedback-Runde

(Anderer Fall.) Eine Kritik wird in der Gruppe geäußert. Mit der langwierigen Nachfrage-Methode im Hinterkopf, kann die Gruppe sich bemühen, sich zu freuen! Ok, Freude ist zu viel erwartet, aber jetzt geht’s trotzdem um die Wurscht.

Gut wäre, wenn bereits, z.B. über eine Geschäftsordnung bereits geklärt wäre, wie die Gruppe mit Kritik umgehen will. Toll wäre, wenn die Moderation in der Lage ist, die Kritik auf ein entpersonalisiertes Problem zu transferieren, damit darüber diskutiert werden kann.

Auch hier gilt: Wenn zu erwarten ist, dass Teilnehmer_innen vehement defensiv (z.B. „Ich will aber sexistisch sein dürfen“) kann der Kritik-äußernden Person angeboten werden, bei der Diskussion nicht anwesend sein zu müssen (vor allem wenn die Kritik aus Betroffenenperspektive ist). Falls die Person anwesend sein möchte, kann die Moderation angehalten werden, die Defensiven „runterzukochen“ (z.B. durch „Ich fände es schön, wenn wir nicht nur für uns selbst denken, sondern das Wohl aller im Blick behalten.“).

Definitiv wichtig ist, das Problem nicht personalisiert zu besprechen (z.B. „Aber Du…“, „Wenn Du…“, „Weil Du…“), denn das gibt zu viel Raum für Verletzungen. Darum wird bei Feedback-Runden auch nicht kommentiert.

Feedback-Runden

Feedback-Runden sind eine schöne Methode, um Kritik wenigstens mal zu hören und wenigstens den rudimentären Eindruck entstehen zu lassen, dass Kritik willkommen ist. Wichtig ist jedoch, dass Feedback-Runden unkommentiert bleiben, sonst gibt’s den Defensivreaktionen und gruppendynamischen Ausschlussprozessen zu viel Raum.

Links

  • Eine Anleitung (die meines Erachtens sehr gut übertragbar ist), wie auf einen Rassismus-Vorwurf umzugehen ist, findet sich auf „Alas! A blog“.
  • Anarchie und lihbe zu „Gespräche mit Gockeln
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