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Auf Treffen zumeist jüngerer Feminist_innen, wie dem Gendercamp oder dem ju_fem_netz-Treffen, habe ich die These entwickelt, dass einen Generationenunterschied in der Verbreitung von Gruppenorganisationsmethoden liegt. Daher hatte ich – zunächst für das feministische Zentrum – diesen Text zu Methoden der Gruppenorganisation geschrieben. Bis auf den Anfang und das Ende habe ich nichts geändert, um den Text hier erneut zu veröffentlichen.

Der Text ist nicht inhaltlich strukturiert, sondern geht eher nach meiner Annahmen über die Nachvollziehbarkeit der Gründe für die Organisationsmethoden. Hier mein „Best-of“ von Gruppenproblemen und „traditionelle“ Methoden, die versuchen damit umzugehen.

Inhaltsverzeichnis

  1. Es gibt keinen vorraussetzbaren Konsens
  2. Methoden für die Kommunikation
  3. Strukturmethoden

Es gibt keinen voraussetzbaren Konsens

Das schwierigste zuerst: Alles was eine Gruppe auf einem Treffen macht und nicht macht wird entschieden. Nicht notwendigerweise von der gesamten Gruppe und nicht notwendigerweise bewusst.

„Wer darf sprechen?“, „Wann darf gesprochen werden?“, „Wer darf wann sprechen?“, „Worüber darf gesprochen werden?“, „Wann darf worüber gesprochen werden?“ sind allein ein paar Beispiele ausschließlich aus dem Bereich der Kommunikation, ohne dass bereits ein Dialog in der Gruppe stattfindet. Unbestritten werden diese Fragen scheinbar im Konsens getroffen: Die Teilnehmer_innen reden nacheinander, es wird aufgezeigt und irgendeine_r erteilt Rederecht oder es wird automatisch abgewechselt, die Themen finden sich…

Dies ist jedoch kein Konsensbeschluss, sondern eine Machtfrage. Ein verhältnismäßig leichtes Beispiel dafür sind die „Stillen“. Stille oder sich kaum an der Gruppenkommunikation beteiligende Teilnehmer_innen entstehen aus vielen Gründen. Der bekannteste Grund ist wohl „leiste Stimme“ in Kombination mit „fehlender Durchsetzungsstrategie“.

Ein Beispiel: X weiß, dass er_sie Schwierigkeiten hat, in nicht-moderierten Gesprächen Beiträge zu platzieren, da X Stimmvolumen im Verhältnis zu den anderen Teilnehmer_innen gering ist. Daher hätte X gerne ein moderiertes Gespräch. Leider hat die Gruppe unbewusst entschieden, nicht-moderiert zu sprechen. Wie kann X dafür in dieser Situation sorgen, ein moderiertes Gespräch zu bekommen? Überhaupt nicht. Vor allem nicht, wenn X glaubt, dass er_sie kein Recht auf für ihn_sie abgestimmte Gesprächsstrukturen hat. Damit X aber das Gefühl haben kann, dass die Gruppe ein Interesse an für alle machbare Gesprächsstrukturen hat, muss darüber bewusst entschieden werden, wie gesprochen wird. Die Macht liegt bei den „Lauten“.

Methoden für die Kommunikation

Moderation

Mindestens eine Person muss sich dafür verantwortlich fühlen, dass alle, die etwas sagen wollen, auch etwas sagen können. In der Regel funktioniert es nicht, wenn sich „alle verantwortlich fühlen sollen“, weil dann nicht klar ist, wer sich im Ernstfall darum kümmert. Was die Moderation leisten soll und welche (Macht)Mittel dieser dafür gegeben werden, muss entscheiden werden (dazu später mehr).

Visuelle und/oder akustische Meldungen

Damit alle die Chance haben mitzureden, ist es leichter, wenn die Teilnehmer_innen die Möglichkeit haben, Redebeiträge anzumelden. Dies geschieht häufig durch „Aufzeigen“, also das Strecken eines Armes mit entweder ausgestreckter Hand oder einem ausgestrecktem Finger. Wenn unklar ist, ob -oder wenn klar ist, dass nicht –  alle Aufzeigen können oder das Aufzeigen sehen können, ist es z.B. auch möglich oder verpflichtend möglich (wenn alle akustische Meldungen hören können), per Nennung des eigenen Namens Redebeiträge anzumelden.

Welcher derartig angemeldete Redebeitrag zu Wort kommt, entscheidet die Moderation. Wie die Moderation entscheiden soll, kann z.B. über eine Form der Redeliste festgelegt werden.

Redeliste

Es gibt sehr viele Formen von Redelisten. Allen Fällen ist gemein, dass eine irgendwie strukturierte Liste über die angemeldeten Redebeiträge geführt wird und nach dieser die Teilnehmer_innen dran genommen werden. Mögliche Strukturformen von Redelisten sind z.B.:

  • Einfache Redeliste
    Die Person, die die Redeliste führt, schreibt die Namen möglichst nach zeitlicher Reihenfolge der Meldungen auf und ruft die Aufgeschriebenen nacheinander auf.
  • Frauenquotierte Redeliste
    In gemischtgeschlechtlichen Gruppen machen Frauen in der Regel weniger Redebeiträge als Männer (mir sind dazu ausschließlich geschlechterbinäre Daten bekannt). Daher gibt es die Möglichkeit der Frauenquotierten Redeliste. In diesem Fall schreibt die Person, die die Redeliste führt, Frauen und Männer getrennt auf und ruft abwechselnd eine Frau, dann einen Mann usw. auf.Mir ist keine nicht geschlechterbinäre quotierte Redeliste bekannt und ich würde mich sehr über diesbezügliche Ergänzungen freuen!
  • Erstredner_innenliste
    Die Erstredner_innenliste holt Beiträge von Personen, die noch nicht zum aktuellen Thema gesprochen haben nach vorne. Ich habe selbst eine solche Redeliste noch nicht geführt, daher hier eine möglicherweise unvollständige Erklärung (Ergänzungen gerne):Die Namen der Teilnehmer_innen werden im Vorfeld notiert oder bei Meldungen. Bei jeder Meldung wird neben dem Namen fortlaufend numeriert, so dass einerseits ersichtlich ist, in welcher Reihenfolge Redebeiträge angemeldet wurde und, durch Anzahl der Nummern neben dem Namen, wie oft die Person bereits gesprochen hat. Aufgerufen wird dann erst die Personen, die noch nicht gesprochen haben und dann nach Reihenfolge der Meldungen.Mit dieser Art der Redeliste ist auch möglich, nicht nur Erstredner_innen nach vorne zu holen, sondern – nach Absprache mit der Gruppe – generell die früher dran zu nehmen, die seltener als andere gesprochen haben. Es ist möglich, die Frauenquotierte mit der Erstredeliste zu kombinieren.

Vor- und Nachteile von Redelisten

Wie bei jeder Methode, sind die Teilnehmer_innen im Vorteil, die bereits Übung mit der Methode haben.  Bei Redelisten können längere Zeiträume zwischen der Meldung und dem Redebeitrag entstehen, so dass der thematische Auslöser für die Meldung zum Zeitpunkt des Redebeitrags mit dem aktuellen Diskussionsstand nicht mehr zusammen passt oder zusammenzupassen scheint.

Mit  Übung und Erfahrung steigt die Fähigkeit zu entscheiden, ob der eigentlich angedachte Redebeitrag noch notwendig ist (wurde z.B. etwas ähnliches bereits geäußert), wie das Thema des geplanten Redebeitrags in die Diskussion zurück zu integrieren ist und die Entscheidbarkeit den Redebeitrag „abzumelden“ (also einfach zu sagen „Bitte streichen“ oder „Hat sich erledigt“) oder den angemeldeten Redebeitrag für einen Beitrag zum aktuellen Diskussionsstand zu nutzen. Ebenso steigt mit der Erfahrung aller Teilnehmer_innen mit der Methode auch die Fähigkeit derart strukturierten Gesprächen zu folgen.

Erfahrung mit Redelisten ist damit ein Machtfaktor. Erstredelisten lindern dies ein bisschen, da Teilnehmer_innen die, z.B. aus mangelnder Erfahrung seltener sprechen, früher dran genommen werden und so den direkten Bezug zu ihrem Beitrag nicht so schnell verlieren.

Natürlich wäre es für Einige toll, einfach immer direkt antworten zu können. Doch dies wollen im Zweifelsfall viele und Einige schätzen/brauchen vielleicht ebenso die Möglichkeit, ein bisschen mehr Zeit zum Nachdenken zu haben. Redelisten und Moderation dienen dazu, dass nicht eine die „stärkere“ Person spricht – sondern allen einen möglichst fairen Raum zu geben.

Weitere Meldeformen

Nichtdestotrotz gibt es Momente, in denen ein direkter Redebeitrag notwendig ist, z.B. bei akuten Fragen oder Verfahrensabsprachen. Dafür gibt es bestimmte Formen der Meldung:

Direkte Antwort

In einem Redebeitrag wird eine Frage gestellt, die einer direkten Antwort bedarf und das von möglichst einer bestimmten Personengruppe (z.B. Orga-Leuten und so). Es geht also nicht um Fragen, die in der Diskussion geklärt werden, sondern die bereits irgendwie beantwortet wurden (z.B. „Was hatten wir nochmal zu dem und dem Thema beschlossen?“ hier ist eine direkte Antwort, z.B. der protokollführenden Person, statthaft.) Direkte Antworten sind möglichst kurz und dürfen inhaltlich nicht auf die aktuelle Diskussion einwirken (also kein „Wo ich gerade das Wort habe, fällt mir noch ein….“).

Direkte Antworten werden häufig durch eine Meldung mit zwei erhobenen Fingern angemeldet (Zeige- und Mittelfinger). Sollten sich mehrere Menschen für eine direkte Antwort melden (z.B. weil die Orga eines Treffens antworten sollte und das sind häufig mehrere Personen), sollten diese sich kurz (evtl. durch Gestik) einig werden, wer antwortet.

Verfahrensabsprachen (GO-Antrag)

Verfahrensabsprachen, sogenannte GeschäftsOrdnungs-Anträge (zur Geschäftsordnung später mehr), dienen dazu, Vorschläge zum Ablauf zu machen. Je nach Absprache der Gruppe sind es nicht nur Vorschläge, sondern „Fakten“. Ein beliebter Verfahrensvorschlag ist z.B. „Antrag auf X-Minuten Pause“.

Häufig werden Verfahrensabsprachen durch zwei erhobene Arme angemeldet und direkt nach dem laufenden Redebeitrag drangenommen. Nach dem Antrag zur Verfahrensabsprache wird, wenn es sich um einen Vorschlag handelt, von der Moderation in vielen Gremien die Frage gestellt: „Gibt es eine formale oder inhaltliche Gegenrede?“. Meldet sich jetzt keine Person, gilt der Antrag als angenommen. Melden sich Personen oder eine Person, wird geklärt ob formal oder inhaltlich. Formale Gegenrede bedeutet, dass die Person, die eine formale Gegenrede angemeldet hat, eine Abstimmung über den Antrag will, aber dies nicht begründet. Die Anmeldung einer inhaltlichen Gegenrede bedeutet, dass es eine Abstimmung geben soll, und die anmeldende Person etwas dazu sagen will. Inhaltliche Gegenreden werden den Formalen vorgezogen (frei nach dem Motto „Eine Begründung ist immer gut.“).

Allein am Punkt Verfahrensabsprachen ist ersichtlich, dass eine Gruppe unglaublich viele Verfahrensabsprachen vor einer inhaltlichen Diskussion treffen muss. Diese alle „im Kopf zu behalten“ ist für viele unmöglich, all diese Absprachen vor jedem einzelnen Treffen zu führen, eher unmöglich und alles zu bedenken, ebenso schwierig. Daher geben sich einige Gruppen sogenannten Geschäftsordnungen.

Strukturmethoden

Geschäftsordnung

Eine Geschäftsordnung ist ein meist mehrseitiges Papier in welchem möglichst strukturiert und eindeutig festgelegt wird, welche Verfahrensabsprachen eine Gruppe für sich trifft. Viele Gremien geben sich eine Geschäftsordnung, in welcher sie eben Verfahrensabsprachen treffen – mit unterschiedlichen Zielsetzungen, denn nicht alle haben das Ziel eine für alle faire Gesprächsatmosphäre zu schaffen. Häufig finden sich Geschäftsordnungen in Zusammenhang mit Satzungen und anderen Ordnungen, das ist aber nicht unbedingt notwendig.

Eine Geschäftsordnung hält für alle fest, welche Absprachen getroffen wurden, z.B. wie Gespräche strukturiert werden, Entscheidungen getroffen werden, welche Verfahrensanträge gestellt werden können (und wie darüber entschieden wird), wann worüber gesprochen wird, usw. (Manche Dinge werden über Satzungen geklärt, die ich jedoch hier einfach in der Geschäftsordnung subsumiere, da ich gedanklich von freien Gruppen/Treffen, wie dem Gendercamp und dem ju_fem_netz-Treffen, ausgehe.)

Im Bereich der Geschäftsordnungsanträge (GO-Anträge) (s.o. Verfahrensabsprachen) gibt es viel Spielraum, sowohl für flexible und faire Bedürfnisbefriedigungen als auch für Machtspiele. Was an GO-Anträgen möglich ist und was nicht muss genauso festgelegt werden wie der Umgang damit. Bleiben wir beim obigen Beispiel der Pausen: Menschen brauchen aus unterschiedlichen Gründen Pausen. Einige nur, weil sie mal eine Zigarette rauchen wollen, Einige ermüden schneller, Einige möchten privat ein paar Dinge klären usw. Gerade bei der Motivationslage „schnellere Ermüdung“ ist die Möglichkeit einen Antrag auf eine Pause stellen zu können eine Frage der Barrierefreiheit. Es ist also u.a. deswegen sinnvoll, diesen Antrag durch die Geschäftsordnung zu ermöglichen.

Dann stellt sich die Frage des Umgangs mit einem solchen Antrag. Ich hatte oben erwähnt, dass manche GO-Anträge keine Vorschläge, sondern „Fakten“ sind. Mit „Fakten“ meinte ich, dass festlegbar ist, dass manchen GO-Anträgen schlicht ohne Abstimmung entsprochen wird. Im Pausenbeispiel kann das sinnvoll sein, damit Menschen, die eine Pause brauchen, diese auch bekommen und sie sie nicht erkämpfen müssen. Sicherlich könnten Betroffene in der Begründung ihres Antrags sagen, dass sie aus Gründen der Barrierefreiheit eine Pause wollen, aber nicht alle wollen sich vor Gruppen outen. Deren Privatsphäre im Auge zu behalten, ist – wenn das Ziel eine möglichst faire Atmosphäre ist – wichtig, wenn die Geschäftsordnung beschlossen wird.

Ein anderer GO-Antrag der Fakten schafft, ist in manchen Gremien z.B. der Antrag auf ein Frauenplenum. Ein Frauenplenum dient dazu, etwas unter Ausschluss der Teilnehmer zu diskutieren. Dem kann z.B. ein Sexismus-Vorfall zugrunde liegen oder die Annahme das Frauen zum Diskussionsthema aufgrund ihres Geschlechts eine andere Position haben. Dementsprechend wird teilweise Entscheidungen des Frauenplenum eine aufschiebende Wirkung (über das Thema darf es beim nächsten Treffen beschlossen werden) oder ein Veto-Recht (ein (möglicher) Beschluss der Gesamtgruppe kann nicht getroffen werden / ist ungültig) eingeräumt.

Ich habe es zwar bisher noch nicht einer Geschäftsordnung gesehen, aber analog zum Frauenplenum wären meines Erachtens Gruppenplenen anderer marginalisierter Gruppen (POC, WOC, Homos, Polys, Bis, Trans, Behinderte, chronisch Kranke, lesbische WOC etc.) ebenso eine gute Idee. Derartige Plenen, insbesondere mit oben genannten Rechten, sind eine gute Möglichkeiten, zu verhindern, dass der Erfahrungshintergrund dieser Gruppen nicht genügend Beachtung findet, weil die „Mehrheit“- bzw. privilegierte Gruppe sich selbst als Maßstab nimmt.

Entscheidungen treffen

Ich habe bereits viel darüber gesprochen, dass Entscheidungen getroffen werden müssen, aber bisher nichts dazu gesagt, wie diese getroffen werden können. Das liegt vor allem daran, dass in einer demokratischen Gesellschaft, gerne einerseits von Mehrheitsentscheidungen ausgegangen wird und andererseits leicht der Eindruck entsteht, dass „Abstimmungen“ langweilige und bürokratische Prozesse sind.

Das Handheben/Kreuz machen bei Abstimmungen dient jedoch nicht nur der besseren Zählbarkeit der Stimmen. Es dient auch der Sichtbarkeit der „Stillen“. Ich hab es jetzt mehrfach erlebt, dass statt einer Abstimmung auf ein deutliches „Nein“ gewartet wurde oder die Moderation evtl. im Kopf die Pro- und Contra-Beiträge gegeneinander aufwog (Meine Vermutung. Kann echt nicht sagen, wie manchmal die Entscheidung getroffen wurde.). Ein deutliches „Nein“ zu formulieren und laut in den Raum zu stellen, liegt nicht Allen – aus verschiedensten Gründen. Allein die Gruppendynamik und die Angst vor sozialem Ausschluss („Alle scheinen sich einig zu sein, da sollte ich mich wohl besser nicht „so anstellen…““) lässt „stille“ Teilnehmer_innen entstehen, die jedoch bei einer geheimen (also anonym per Zettel) oder offenen Abstimmungen (durch Handheben) ihre Meinung beisteuern würden.

Heißt: Wird auf Abstimmungen verzichtet, liegt die Macht bei den Lauten. Hinzukommt noch: Wird die Stimmung der Gruppe von der Moderation für die Entscheidungen bewertet, ist die Moderation nicht vor eigenen Fehlern gefeit. Es ist wirklich schwierig, nicht Sympathie und Äußerungen von hierarchisch höher geschätzten Teilnehmer_innen in die Bewertung der Stimmung einfließen zu lassen. Zudem entsteht für die Unterlegenen leicht der Eindruck, die Moderation wäre nicht neutral (selbst wenn sie es war).

Abstimmungen sind ein deutlicher Machtfaktor. Bei Mehrheitsentscheidungen liegt die Macht immer bei der Mehrheit – egal ob mit einfacher Mehrheit (also 50,01% der abgegebenen Stimmen) oder z.B. zweidrittel Mehrheit (66,6% der Stimmen) entschieden wird. Andererseits liegt bei Konsensentscheidungen die Macht häufig beim „kleinsten gemeinsamen Nenner“. Daher findet sich häufiger eine „Mischform“, heißt einige Entscheidungen erfolgen nach Mehrheit, andere nach Konsens, Plenen marginalisierter Gruppen haben ein Veto-Recht, etc. Was unter welche Abstimmungsform fällt kann z.B. nach Thema entschieden werden oder auf Zuruf. Mit Zuruf meine ich, dass z.B. beschlossen wurde, dass Entscheidungen mit einfacher Mehrheit Standard sind, jedoch GO-Anträge auf zweidrittel Mehrheit oder Konsens gestellt werden können und dem weitreichenderen (also Konsens ist weitreichenderer als zweidrittel Mehrheit) ohne Abstimmung (also ein Fakten-schaffender Antrag) entsprochen wird. Ähnlich kann mit der Frage nach geheimer oder offener Abstimmung verfahren werden.

Doch wann wird eigentlich über was gesprochen und entschieden?

Tagesordnung

Über was und wann gesprochen und abestimmt wird muss nicht unbedingt über eine Tagesordnung erfolgen, aber es muss allen Teilnehmer_innen ersichtlich sein, wie diese Themen platzieren können und eine Entscheidung herbeiführen können. Zudem muss allen klar sein, wann über die platzierten Themen gesprochen wird, damit zumindest die Interessierten dann nicht gerade „auf dem Klo“/woanders sind. Warum?:

Jede Diskussion und jede Abstimmung – auch die nicht-geführten – sind Machtfaktoren. Wer bestimmt, was diskutiert wird, hat die Macht zu entscheiden, was wichtig/relevant/interessant/usw. ist und was nicht. Wer weiß, wann Abstimmungen/Diskussionen erfolgen, hat zumindest die Möglichkeit, die Teilhabe daran einzuplanen. Mir ist kein Weg bekannt, wie es möglich ist, dass immer alle da sein können (insbesondere bei großen Gruppen), aber zumindest sollten möglichst frühzeitig die Termine bekannt sein, damit es wenigstens die Chance gibt, dass es Viele einplanen können.

Was „frühzeitig“ ist, wie Abstimmungen gefordert und Themen platziert werden können ist ein wichtiger Grund für eine Geschäftsordnung, denn im Zuge der Gestaltung der GO können solche Fragen entschieden und in dieser die Antworten nachgesehen werden. Ebenso können Sicherungsmechanismen eingebaut werden, z.B. „Wenn nicht X % der Teilnehmer_innen anwesend sind, wird weder diskutiert noch abgestimmt“.

Die Methode „Tagesordnung“ sieht vor, dass irgendwie bestimmte Themen in eine irgendwie bestimmte Reihenfolge gebracht werden, evtl. mit Zeitplan. Traditionell ist der erste Tagesordnungspunkt (TOP) „Hallo und Begrüßung“ und der zweite „Beschluss über die Tagesordnung“. Beim 2. TOP wird schon spannend, hier können weitere Themen platziert werden und die Reihenfolge der TOPe bestimmt werden. Wenn nicht anders vorgesehen, haben hier bereits alle die Möglichkeit sich und die eigenen Themen einzubringen. Weiterhin kann in der Geschäftordnung bestimmt werden, dass während der gesamten Zeit des Treffen Anträge auf weitere TOPe gestellt, einzelne bereits vergangene TOP „zurückgeholt“ (z.B. weil was vergessen wurde) oder TOPe vorgezogen („Muss gleich weg. Mir ist aber TOP X wichtig, können wir das jetzt machen?“) werden können.

Gerade bei Treffen mit wechselnden Teilnehmer_innen würde ich möglichst frühzeitig einen TOP „Beschluss über die Geschäftsordnung“ (bei sehr freien Treffen ohne Bezugnahme auf vorherige Treffen) oder „Änderungsänträge an die Geschäftsordnung“ machen. So ist die Geschäftsordnung vor inhaltlichen Diskussionen bestimmt und alle können darauf achten, dass die Machtverteilungsstrategien für alle einigermaßen fair sind. Natürlich steht vor dem Beschluss der GO nicht fest, wie abgestimmt wird, daher bietet sich ein Konsensverfahren über die Abstimmungsmodalitäten an.

Natürlich sind andere Wege als Tagesordnungen denkbar. Eine Themenbox oder ein „Über was wir sprechen sollten“-Plakat mit einer Zeitangabe, wann die notierten Themen besprochen werden sollen, ist genauso denkbar. Aber dann müssen auch alle notierten Themen besprochen werden oder zumindest allen klar sein, wonach entschieden wird, worüber gesprochen wird. Sonst entstehen „Stille“ und „Aggressive“.

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